RÜCKBLICK / BERICHTE |
| Einstelldatum: 16.03.2006 | |
| am: 19.06.2005 | |
| Ende August traf ich Manfred Ruhmer in Salzburg. Wochenlang hatte der dreifache Welt- und Europameister auf die Geburt seines Sohnes Tomas gewartet. Jetzt ist alles glücklich überstanden und die Vaterrolle steht ihm eigentlich recht gut. Nach Kaffee, Kuchen und allerlei Fliegerklatsch sprach ich Manfred auf sein GPS an - in dessen Speicher lag nämlich seit zwei Monaten unangetastet der Tracklog eines ganz besonderen Schmankerls: ein eindrucksvoller FAI-Dreiecksflug über 370 km, obendrein mit zweifacher Hauptkammquerung. So ein Flug schreit danach, heruntergeladen zu werden, das GPS blinkte denn auch schon ganz panisch „Battery low“, es wurde also höchste Zeit. Das solchermaßen gerettete IGC-File liegt nicht auf dem OLC-Server, mittlerweile ist es aber auf der Homepage der österreichischen Liga verfügbar. Zwar ist der Flug nur mit einem einfachen Garmin 12 Map ohne Höhendaten aufgezeichnet, das ist angesichts der gewaltigen Leistung aber ziemlich nebensächlich. Wie Manfred hier über den Hauptkamm hin- und herhüpft, das hat eindeutig Segelflugcharakter. Text: Tom Weißenberger Quelle: Schlechtflieger Magazin Ausgabe 10 Fluggerät: Aeriane Swift-Light Flugdauer: etwas über 6 1/2 Stunden Strecke: FAI-Dreieck über 370 km Wind: Nordwind in 3000 m mit ca. 20 - 30 km/h Startplatz: Fußstart am Emberger Alm Startplatz 1.Wende: Westliche Marmolada, Südtirol 2.Wende: Rofan, Nordtirol 3.Wende: Emberger Alm, Kärnten Landung: Greifenburg, 18:12 Uhr IGC-File: 56JGXY02.IGC Flugbericht von Manfred Ruhmer Am Vortag, dem 18. Juni 2005, waren wir in Spazierlaune von der Emberger Alm bis weit in die Dolomiten geflogen. Dort lag die Basis hoch und der bissige Nord, der so oft zu großen Südalpentagen gehört, konnte uns nichts anhaben. Doch wo der Wind ins Tal durchbricht, sorgt er für heftigste Turbulenzen. Wir haben zu kämpfen beim Anflug auf den vertrauten Landeplatz in Greifenburg. Fritz hat Pech, sein Swift rollt gegen einen überwucherten Pfahl, das Missgeschick kostet ihn den nächsten Tag. Am 19. hielt die nördliche Höhenströmung an und mit ihr das Streckenwetter. Viele Leistungsflieger hatten das Potential dieser Lage erkannt und waren über Nacht nach Greifenburg geeilt, um ihren Punktestand im OLC aufzubessern. Mich reizte hingegen die Aussicht, ein Dreieck zu fliegen. Der Flugweg in die Dolomiten hatte sich als schnell erwiesen und es lag nahe, dort die erste Wende zu setzen. Der zweite Wendepunkt muss dann aber weit im Norden liegen - und das bedeutet, zweimal den Hauptkamm zu queren. Der helle Morgen bestätigt die Prognosen und lockt uns früh an den Startplatz. Gegen halb zwölf starte ich und der Swift steigt langsam, aber verlässlich in schwacher Hangthermik. Südlich der Drau winkt der erste Cumulus und der Reisskofel enttäuscht mich nicht. Ich gehe bis an die Basis, denn nun wartet das Gailtal. Jenseits am Plöckenpass taste ich lange umher, bis mir endlich ein Bart in die Karnischen Alpen hilft. Die Grenzkette zu Italien reicht mich unter vereinzelten Cumuli weiter an die Dolomiten. Von der Marmarole-Gruppe blicke ich auf Cortina hinab. Hier ist die Wolkenbasis so hoch, wie die schroffen Kalktürme versprechen. Ich kann im hohen Gelände bleiben und halte weiter auf Kurs zwischen Monte Civetta und der Marmolada hindurch. An den südlichen Graten des gewaltigen Felsblocks muss ich minutenlang auf einen Bart warten. Schließlich reicht die Höhe, um die Wende anzufliegen. Weit im Westen, jenseits der Bozener Senke, schimmert der Ortler. Dort drüben herrschen heute wohl ähnlich gute Bedingungen wie in den Dolomiten. Soll ich nicht doch auf der Südseite bleiben? Einen Moment zögere ich. Dann dreht der Swift entschieden auf Nordkurs. Jenseits des San-Pellegrino-Tales entwickelt sich eine frische Wolke. Die Westwand der Marmolada schickt starke Thermik bis viertausend Meter hinauf. Aus dieser Höhe flachen sich die mächtigen Zacken ab und das Durcheinander der engen Dolomitentäler wird durchschaubar. Langkofel und Sella ziehen unter mir durch, erst am Kreuzjoch muss ich wieder kreisen. Voraus an der Plose markiert ein Drachenpulk den Bart, die Piloten fliegen um den Südtirol-Cup. Der unscheinbare Grasrücken steht genau richtig zur Sonne und trägt mich auf 4000 Meter zurück, genug, um das weite Pustertal direkt zu queren. Als ich die Wilde Kreuzspitze über dem Sterzinger Kessel anfliege, packen mich unvermittelt harte Wirbel. Der Nordwind jagt durch die Brennerschneise und stellt an jeder Rippe Leefallen auf. Endlich beißt wieder Thermik an und ich springe über das schmale Pfitscher Tal. Nördlich warten vier bis fünf Steigmeter. Die Hauptkammquerung ist geglückt. Hier im Norden liegt die Wolkenbasis etwas tiefer, die Trennwirkung des Alpenwalls macht sich selbst an so einem Tag bemerkbar. Ich gleite am Hintertuxer Gletscher vorbei zum Lizumer Reckner. Sein Bart bringt mich diagonal über die zerklüfteten Tuxer Alpen an den Rastkogel, den Eckberg zum Zillertal. Eine Wolke weiter, in der kräftigen Thermik über dem Marchkopf, muss ich entscheiden: lohnt die Querung des breiten Inntals? Ich bin entschlossen, den zweiten Wendepunkt möglichst weit im Norden zu setzen und fliege tief das Rofan an. Drüben finde ich gleich wieder Aufwind unter der Rofanspitze, der Sprung scheint gelungen. Doch als ich den Berg überfliegen will, spült mich das Lee herunter. An der Erfurter Hütte stehen die Fahnen stramm im Nordwind und ich sehe kein anderes Fluggerät in der Luft. Ein zweites und drittes Mal scheitere ich. Erst im vierten Anlauf schlage ich mich aus großer Höhe auf die Nordseite durch. Die Wolkenbasis liegt hier noch in 2600 Metern. Einige Kilometer trägt sie mich noch nach Norden. Dann wende ich und setze wieder zur Querung des Inntals an. Ich fliege die Ostseite des Zillertals an, doch die Hänge scheinen vom Talwind des Inntals überströmt zu sein. Erst tief im Tal bei Stumm finde ich wieder Steigen. Doch die lange Westflanke des Kreuzjochs trägt immer gut und vom Gerlos kann ich an den Hauptkamm wechseln. Über den Tauernrippen stehen weiße Streckenwolken, ihre Perlenkette verliert sich weit im Osten. Wo soll ich auf die Südseite zurückspringen? Die Wolkenbasis in 3400 Metern lässt mir nicht viele Schlupflöcher und ich hoffe auf die Querung am Glockner. Doch unverhofft kann ich nördlich des Großvenedigers an einer Wolke aufsoaren und quere mit der geschenkten Höhe in die einsame Bergwelt der Deferegger. Der kalte, trockene Nord stürzt hier von den Tauernhöhen hinab in die Talgründe Osttirols. Ich falle auf den Muntanitz nördlich von Matrei zu. Dort steht Sonne satt in den Leehängen und das heißt enge, starke Thermik. Der Leebart trifft mich wie ein Kinnhaken. Im engsten Steilkreis strudelt er den leichten Swift zurück an die Basis. Jetzt weiß ich, dass der Flug gewonnen ist. Der Große Hornkopf in der Schobergruppe wird allen Erwartungen gerecht. Dann quere ich zur Kreuzeckgruppe und gleite die Höhe ab. Kurz nach sechs setzt der Swift auf dem Landeplatz in Greifenburg auf. Was bleibt? Erinnerung an einen schönen Flug - und die Gewissheit, dass noch weit größere Dreiecke fliegbar sind. Für das nächste Jahr ist schon ein 500 km-FAI-Dreieck geplant. |
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